7.1 Kartographische Aspekte

Nachdem es nicht Ziel dieser Arbeit ist, die Zukunft vorherzusagen, halte ich fest, was bisher geschehen ist:

  1. (Räumliche) Daten, die früher nicht, oder nur gegen Bezahlung verfügbar waren, stehen nun uneingeschränkt zu Verfügung.
  2. Die Frage ob und welche Daten veröffentlicht werden, ist (noch) nicht verbindlich geregelt. Lediglich personenbezogene Daten sind von der Veröffentlichung ausgenommen.
  3. Die Daten sind maschinenlesbar und mit Metadaten versehen.
  4. Bisher wurde dieses Angebot mehrheitlich von Menschen ohne ausgewiesenen Bezug zur Kartographie genutzt.
  5. Trotz veränderter technischer Rahmenbedingungen sind die methodischen und theoretischen Grundlagen der Kartographie zu berücksichtigen.

Karten werden meist nicht zu einem beliebigen Thema erstellt, nur weil die Daten dazu vorhanden sind. In der Regel gibt das Thema vor, welche Sachverhalte in der Karte abgebildet werden. Treffen sich aber in diesem Fall Angebot und Nachfrage, so bietet sich die Verwendung von OGD an.

Der Bereich der Daten für Browser und Smartphones stellt in diesem Zusammenhang eine Ausnahme dar. Wie anhand der vorgestellten Anwendungen gezeigt, werden hier teilweise einzelne Themen dargestellt, weil sie gerade verfügbar sind. Der Nutzen dieser Anwendungen ist dann aber meist begrenzt und geht selten darüber hinaus, etwa die nächste Toilette zu finden (wobei auch das in manchen Fällen ein wichtiger Mehrwert für die Gesellschaft sein kann).

Schon bisher werden im klassischen kartographischen Prozess in Österreich Daten und Services verwendet, die auf Regierungsinitiativen zurück gehen – etwa STRM-Daten und das GPS-System der US-Regierung. Allerdings wurden im Zug der Recherchen bisher keine komplexeren kartographischen Produkte entdeckt, bei denen offene österreichische Daten zum Einsatz kamen. So sind etwa bisher keine gedruckten Karten oder Atlanten bekannt, bei denen OGD zum Einsatz kamen. Dieser Sachverhalt kann allerdings durch die Vorlaufzeit solcher Produkte erklärt werden.

Analysiert man aktuelle gedruckte Stadtpläne, zeigt sich schnell, dass fast alle abgebildeten Ebenen bereits als OGD verfügbar sind – zumindest in Wien. Verlässt man aber den Bereich dieser kommunalen Dateninseln, bleibt nurmehr wenig an gehaltvoller Information. Eine Luftbildkarte mit den Standorten der Finanzämter, auf Basis der Daten von Finanzministerium und Umweltbundesamt, wäre wohl das höchste der Gefühle. Darüber hinaus bietet das Umweltbundesamt einige weitere bundesweite Datensätze.

Das Gebiet von Wien oder Linz ist für Wanderkarten nur bedingt von Relevanz. Sollte das Land Tirol aber ein Höhenmodell veröffentlichen, das eine Qualität aufweist, wie die Daten der beiden Städte, wäre das eine sehr nützliche topographische Grundlage.

Zwei staatliche österreichische Institutionen, die detaillierteste Daten führen, sind das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen und die Statistik Austria. Diese finanzieren sich zu einem gewissen Teil selbst – durch den Verkauf ihrer Daten. Ihnen diese Einnahmen ersatzlos zu streichen, würde wohl auch nicht lange gut gehen. Vergleicht man etwa die staatlichen topographischen Karten des OGD-Musterlands USA mit jenen aus Österreich, zeigen sich gewaltige Unterschiede. Eine geeignete Lösung zu finden, die das Aufrechterhalten der Qualität bei einer Öffnung der Daten sicherstellt, kann als Herausforderung betrachtet werden.

Die Herausforderung der Wahrung gewisser Qualitätsansprüche stellt sich aber im Umfeld von OGD auch in anderer Hinsicht. Daten zu visualisieren ist leichter als jemals zuvor. Dieses Angebot wird auch von Menschen angenommen, die über keinerlei kartographisches Fachwissen verfügen. Das ist durchaus im Sinn von OGD, schließlich bildet jede Karte durch den Prozess der Generalisierung nur einen subjektiven Teilbereich der Realität ab. Mittels offener Daten bekommt jeder Bürger die Möglichkeit, sehr komplexe Sachverhalte so zu analysieren, dass die für ihn relevanten Ergebnisse dabei herauskommen. Aber wie einige Anwendungen gezeigt haben, ist es recht einfach, sich im „kartographischen SpinnennetzImhof 1972: 176 (s. DataMaps.eu) zu verfangen.

Doch anstatt die „zunehmende Verschmutzung der UmweltRase 1988: 126 (s. Fachliche Bedenken) zu bedauern, tut auch die Fachwelt gut daran, sich diesen Neokartographien zu stellen und

  • mit gutem Beispiel vorangehen, indem jene, die das entsprechende Wissen haben, es auch entsprechend einsetzen, und
  • denjenigen Hilfestellungen anbieten, die Karten machen – auch wenn sie nicht die Ausbildung dazu haben – sowie
  • gemeinsam von den neuen Angeboten profitieren und voneinander lernen.

Zum ersten Punkt passt, was Jörg schreibt: „Die Kartographie kann sich hier einer großen Herausforderung annehmen, nämlich diesen ‚dummen‘ verteilten Geoservices wieder die kartographische Intelligenz zurückzugeben, damit die mit diesen GeoServices erstellten kartographischen Produkte wieder ein in sich abgestimmtes Ganzes ergeben.Jörg 2011: 164. Und zu den beiden anderen Punkten will diese Arbeit auch ein wenig beitragen.

Meiner Meinung nach zeigt sich aber auch ganz klar, dass insbesondere in Zeiten von Open Data und Big Data Fachkräfte, die mit diesen Daten auch umgehen können, gefragt sind wie nie zuvor. Die Domäne der Kartographie ist seit jeher die Veranschaulichung komplexer, räumlicher Phänomene durch das Weglassen unwichtiger und das Hervorheben wichtiger Aspekte. An Generalisierung (= Subjektivierung) führt, trotz absoluter Offenheit der Datengrundlage kein Weg vorbei. Die Entscheidung darüber, ob ein Aspekt wichtig oder unwichtig ist, liegt dank offener Daten jetzt aber bei jedem Bürger und jeder Bürgerin.

Verwendete Literatur

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